::: Literaturkurier – Neuerscheinungen | Februar 2012
T.C. Boyle Wenn das Schlachten vorbei ist
Roman | Hanser | 464 Seiten | 22,90 Euro

Die Channel Islands liegen vor der Südküste Kaliforniens und besaßen einst ein einzigartiges Ökosystem. Doch wie so oft hat der Mensch dieses Gleichgewicht zerstört - in T.C. Boyles neuem, wenig hoffnungsvollen Roman geht es am Beispiel dieser Inseln um die katastrophalen Folgen, die die Ausbeutung der Fauna und Flora durch den Menschen haben kann, um die endlose Folge von töten und getötet werden. Zwei Meinungen stehen sich auf den Channel Islands gegenüber: Alma Boyd Takesue soll als Biologin die angerichteten Schäden wieder ausgleichen und dazu die eingeschleppten Ratten ausrotten, Tierrechtler Dave LaJoy hält dagegen. Dieser erbitterte Kampf steht stellvertretend für den Kampf der Menschheit ums Überleben ... T.C. Boyle geht gewohnt meisterhaft an sein Thema heran, seine Figuren sind großartig gezeichnet und auch wenn der Leser kein Happy End erwarten darf, so ist der Roman doch nicht ohne Ironie und Witz. (Deutsch von Dirk van Gunsteren)
Neil Cross Luther. Die Drohung
Roman | DuMont | 413 Seiten | 9,99 Euro

Der neue ZDF-Sonntagskrimi heißt „Luther“ - das Drehbuch zu dieser BBC-Serie stammt von Neil Cross, der auch in einem Roman die Vorgeschichte dieses außergewöhnlichen, knallharten Ermittlers erzählt: Luther. Die Drohung ist jetzt auf Deutsch erschienen. DCI John Luther ist als Polizist schon jetzt eine Legende, er ist genial in seiner Ermittlungsarbeit, seine Erfolge sind groß. Doch es gibt auch eine Schattenseite: die Gewalt und Wut. So begabt er auch für die Suche nach den Tätern ist - er soll ein Kind aus den Händen von Entführern befreien, die dessen Eltern ermordet haben -, so schnell kann Luther auch außer Kontrolle geraten. Und das ist gefährlich ... Ein packender, harter Krimi, der psychologisch stimmig ist und uns überzeugende Protagonisten liefert. Auch ohne die TV-Serie ein Ereignis. (Deutsch von Marion Herbert)
Pigor singt, Benedikt Eichhorn muss begleiten - Volumen 7
Audio-CD | roof | 1 CD | 17,95 Euro

Sie haben den deutschen Kleinkunstpreis und den österreichischen Kabarettpreis gewonnen - und doch ist ihre neue CD mehr als „nur“ Kabarett, „nur“ Chanson oder „nur“ Kleinkunst: Pigor&Eichhorn beherrschen die deutsche Sprache auf beeindruckende Art und Weise. Zu ihrer vielseitigen Musik (neben Klavier jetzt neu auch Tuba/Posaune und Schlagzeug) bestechen ihre Texte durch Rhythmus, Schärfe, Komik und nachdenkenswerte Inhalte. Ob über "olfaktorische Rowdys", sportliche Großereignisse oder Heidegger, Pigor findet die richtigen Worte für seinen Ärger. Oder wenn die beiden all jenen, deren Muttersprache Englisch ist, die Überlegenheit unseres Pidgin-English beweisen und neidisch auf „echte“ Jazzpianisten blicken, dann weiß der Hörer: Ja, das ist Cool Cabaret, das ist gut!
David Melling Wer knuffelt mit Paulchen?
Kinderbuch (ab 2) | Oetinger | 28 Seiten | 6,95 Euro

Paulchen, der Bär, wacht mit einem großen Bedürfnis auf: Er braucht jemandem zum Knuffeln. Na klar, denkt er sich, die besten Knuffel sind dick - aber der Stein ist dann doch nicht so geeignet. Die besten Knuffel sind groß - aber der Baum ist dann doch nicht so angenehm. Und so geht es weiter, Paulchen sucht mit großen Augen und liebevoller Naivität etwas zum Kuscheln, auch bei den Schafen, der Eule, dem Hasen, um am Schluss den besten Platz auf der Welt zu finden ... David Mellings Geschichte mit den witzigen, detailreichen Illustrationen eignet sich wunderbar zum Immer-wieder-Vorlesen, geht zu Herzen, ist lustig und hat auf jeden Fall das Potential zu einem Lieblingsbuch zu werden. (Deutsch von Mirjam Pressler)
Thomas Müller Ein Jahr mit den Schwalben
Kinderbuch (ab 5) | Gerstenberg | 40 Seiten | 12,95 Euro

Mit diesem Buch lässt sich die Wartezeit bis zum Frühling wunderbar überbrücken: Thomas Müller erzählt und illustriert den Jahreslauf mit den Rauchschwalben, beginnend im April, wenn die Suche nach einem geeigneten Nistplatz ansteht, bis zum Frühling im Jahr darauf, wenn die Vögel von ihrer langen Reise aus Afrika wieder bei uns eingetroffen sind. Die klaren, bunten Bilder auf den Doppelseiten (auch mal aus der Flugperspektive über Gibraltar) und der leicht verständliche Text bringen Stadt- und Landkindern diese charakteristischen Vögel näher. Wer dieses schöne Sachbuch vorgelesen bekommen hat, wird im Sommer sicher mit anderen Augen in den Himmel schauen, wenn dort die ersten Schwalben auftauchen ...
Renzension
Daniel Glattauer Ewig Dein
Roman | Deuticke | 205 Seiten | 17,90 Euro
DEUTSCHLANDRADIO KULTUR | 07.02.2012
Im neuen Roman von Österreichs derzeit erfolgreichstem Autor, nämlich Daniel Glattauer (Gut gegen Nordwind, Alle sieben Wellen), verlieben sich zwei Menschen ineinander: Judith, selbständige Besitzerin eines schicken Lampengeschäfts in Wien, trifft auf Hannes, einen charmanten Architekten. Aus Judiths Sicht wird nun geschildert, wie sie nach und nach Hannes' Werben um sie nachgibt, schließlich werden die beiden ein Paar und fahren gemeinsam nach Venedig. Soweit, so gut - eine humorvoll erzählte, kitschfreie Liebesgeschichte. „Doch als sie irgendwann den Schlussstrich zieht, geht die Geschichte erst richtig los“, so bringt es Carsten Hueck in seiner Rezension auf den Punkt: Denn als Judith erkennt, wie aufdringlich Hannes eigentlich ist und daher die Affäre beendet, beginnt der Horror. Hannes lässt sie nicht in Ruhe. Sein Stalking wird zum Albtraum für sie, wobei Glattauer es vermag, den Leser lange Zeit im Unklaren zu lassen, welche der beiden Figuren „krank“ ist. Der Roman entwickelt sich zum Psychothriller, und „glaubt man zu wissen, welchen Verlauf diese wahnwitzige Liebesgeschichte nimmt, so wird man nach allen Regeln der Kunst überrascht“, so Hueck. Und obwohl der Ton des Buches immer komisch bleibt, steht eines am Schluss fest: „Das Wort "Liebling" verursacht nach Lektüre dieses Romans einen anhaltenden Schauer.“ mehr »













Für seinen Roman Die Verschwörung der Idioten, 1969 geschrieben und 1980 im Original erschienen, erhielt John Kennedy Toole den Pulitzerpreis, wenn auch posthum, denn er hatte sich zuvor aus Verzweiflung über seine Erfolglosigkeit umgebracht. Heute gilt das Buch allerdings als Meisterwerk und dies ist in der neuen, bewundernswerten Übersetzung von Alex Capus (Léon und Louise) auch noch einmal deutlich zu bestätigen: Ignatius J. Reilly ist ein fauler, fetter und abstoßender Intellektueller, der bei seiner Mutter in New Orleans wohnt, von Job zu Job immer merkwürdigere Dinge erlebt und all seine Kraft in das Verfassen eines Pamphlets investiert, in dem er mit der Moderne abrechnet. In grandiosen Wortspielen und mit fetzigen Dialogen beschreibt Toole exzentrische Bewohner New Orleans und schildert einen absurden Ein-Mann-Kreuzzug des wahrscheinlich witzigsten Anti-Heroen seit langem.
Nachdem ihre gezeichnete Geschichte bis September 2011 in einem weltweit beachteten Internetblog erschien, ist Zahra's Paradise, das vom Verschwinden eines Studenten im Iran erzählt, nun in Buchform erschienen, ergänzt um einen aufschlussreichen Anhang. Die aus politischen Gründen anonym bleibenden Autoren Amir (Text) und Khalil (Illustrationen) berichten davon, wie es nach den gefälschten Wahlen 2009 in ihrem Heimatland zu Protesten und Unruhen kam, die vom Regime blutig niedergeschlagen wurden. Eines der Opfer ist Mehdi, der spurlos verschwindet. Seine Mutter und ein Bruder machen sich auf die Suche nach ihm - was sie dabei erleben, gibt dem Leser und Betrachter einen einmaligen Einblick in das politische Leben des Iran, die persische Kultur, in den Kampf der Opposition und die Repressalien der Machthaber. In einer Zeit, in der vielerorts Proteste aufflammen, ist es wichtig, auch an den Einzelfall zu erinnern - so wie das hier ungemein eindrucksvoll geschieht. (Deutsch von Reinhard Pietsch)
Der Abschluss von Patrick Pécherots Trilogie um Nestor Burma, den skurrilen französischen Privatdetektiv, ist genauso grandios wie die beiden ersten Teile (Nebel am Montmartre und Belleville – Barcelona), er kann aber auch ohne Kenntnisse der Vorgänger genossen werden: Da die Deutschen einzumarschieren drohen, verlässt 1940 ein Großteil der Pariser die Hauptstadt, sogar die „Irren" werden evakuiert. Nestor bleibt, weil er einen depressiven Psychiater beschützen soll, doch der begeht eines Nachts Selbstmord. Klar, dass hier mehr dahinter steckt als „nur“ Angst vor dem Feind oder Verfolgungswahn und dass in dieser Ausnahmesituation allerlei dubiose Gestalten auf schnellen Gewinn oder politische Macht aus sind. Patrick Pécherot packt in seinen historischen Krimi sowohl Verbürgtes wie auch Fiktives, entwickelt wie nebenbei ein glaubhaftes Zeitkolorit, spart nicht mit überraschenden Wendungen - und liefert natürlich auch eine fesselnde Handlung. (Aus dem Französischen von Katja Meintel)
„Reality"-Formate, gerade bei Polizei-Serien, erleben im Fernsehen aktuell eine Blütezeit. Im Antje Kunstmann Verlag ist nun ein Sachbuch erschienen, eine 800 Seiten lange, atemberaubende Reportage über die Polizeiarbeit in Baltimore, die Grundlage für eine der meist gelobten US-Fernsehserien war: The Wire. Der Autor David Simon begleitete Ende der 1980er ein Jahr lang die Ermittler des Morddezernats und wurde Zeuge der nicht enden wollenden, brutalen Verbrechen, die die Stadt heimsuchen. Als roten Faden durchzieht der Mordfall an einem elfjährigen schwarzen Mädchen das Buch, doch die Ermittler, die Simon dem Leser sehr geschickt vorstellt und in ihrem Alltag lebendig werden lässt, müssen meist an mehreren Fällen zugleich arbeiten. Es ist die Qualität der Reportage und der spannende Blick in die Welt von Polizisten, die dieses Buch so zeitlos und brisant macht. (Übersetzt von Gabriel Gockel, Barbara Steckhan, Thomas Wollermann)
Dr. Seuss (1904-1991), also eigentlich Theodor Seuss Geisel, ist einer der bekanntesten US-Kinderbuchautoren des 20. Jahrhunderts, er wurde vor allem durch seine skurrilen Figuren (Der Grinch) und seine lustigen Reime beliebt und nicht zuletzt auch mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Seiner albernen Sprachkunst hat sich nun Felicitas Hoppe (Johanna, Der beste Platz der Welt ) angenommen und drei von Dr. Seuss großartigen Texten ins Deutsche übertragen: „Grünes Ei mit Speck", „Da ist eine Nasche in meiner Tasche!" und "Einfisch, Zweifisch, Rotfisch, Blaufisch". Hier wird etwa geklärt, wer im Müll, im Topf und der Flasche wohnt, was ein Siebenbuckelwuckel ist und was Jetzt-kommt-Jack alles anstellen muss, um sein grünes Ei mit Speck loszuwerden. Mit den lustigen Illustrationen ist dieser Band sicherlich schnell der Renner im Kinderbuchregal - ein Buch zum immer-wieder-Vorlesen.
Ein Messer, das Derick heißt, ein kleiner Moosmann, eine Turteltaube, die Limonade trinkt, ein Oktopus, der Tanzunterricht nimmt, oder der Hirschkäfer Harry, der in seinem Terrarium von der Freiheit träumt - Keto von Waberers Kindergeschichten aus dem „Zauberland“ sind voll von diesen wunderbar surrealen Figuren, die voller märchenhafter Magie die Fantasie anregen. Mal eher witzig, dann eher spannend, einmal wie eine Fabel, dann wie eine Gruselgeschichte, jede der sieben Erzählungen trifft einen anderen Ton, aber alle sind sie sehr schön erzählt. Ergänzt werden sie durch Illustrationen von Rotraut Susanne Berner, die mit ganzseitigen Farbillustrationen oder kleineren Schwarz-Weiß-Zeichnungen den Charakter der Texte zu verstärken weiß. Ein ganz „klassisches“ Kinderbuch, das gefällt!




